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Brustkrebs mit 37: Die ungeschminkte Wahrheit

28. Oktober 2026

Cornelia Lautenschlager ist selbstständige Make-up-Artistin, sportlich und Mitte dreissig. Dann ertastet sie einen Knoten in der Brust. Die Diagnose: Brustkrebs mit Lungenmetastasen. Am KSB beginnt eine intensive Therapie. Als der Wettingerin die Haare ausfallen, verändert sich ihr Blick auf Schönheit. Heute spricht sie offen über ihre Erkrankung und geht auf Instagram viral.

Als Cornelia Lautenschlager an diesem Winterabend ihre Mütze vom Kopf zieht, bleiben die Haare darin hängen. Sie hatte damit gerechnet. Irgendwann. Trotzdem trifft sie dieser Moment. «Am Morgen habe ich beim Bürsten immer gedacht: Fallen sie jetzt aus?» Doch ausgerechnet nach dem Spazieren passiert es. Ausgerechnet ihr, die seit 16 Jahren von Berufs wegen mit Schönheit zu tun hat und als Make-up-Artistin arbeitet. Haare, Wimpern, Augenbrauen gehören zu ihrem Job, zu ihrer Leidenschaft. Nun verändert die Chemotherapie ihr eigenes Aussehen.

Ein Knoten, der nicht verschwindet

Aber wie kam es so weit? Im September 2025 zieht Cornelia Lautenschlager ihren Pyjama an und spürt etwas an der Brust. «Es war einfach ein Knötchen. Ein Hubbel unter der Haut», erinnert sich die damals 37-Jährige. Er tat nicht weh. Auch Angst hat sie keine. Die Wettingerin treibt Sport, raucht nicht, ist schlank – und Brustkrebs gibt es in ihrer Familie nicht. «Ich dachte immer, ich sei der gesündeste Mensch», sagt sie.

Beim Ultraschall zeigt sich zunächst nichts Auffälliges. Vielleicht eine Zyste. Doch der Knoten bleibt. Wochen später lässt sie ihn erneut kontrollieren. Ihre Gynäkologin überweist sie daher für eine Biopsie ans KSB. Kurz darauf steht die Diagnose fest: Brustkrebs. 

Es ist ein Schock an diesem Novembertag, den sie aber erstaunlich schnell verdaut. «Da gehe ich jetzt durch», denkt sie sich und hält sich an den Worten ihrer Frauenärztin fest: «In einem halben Jahr sind Sie wieder da.» Es kommt anders.

Cornelia Lautenschlager
Im Gespräch: Cornelia Lautenschlager erzählt ihre Leidensgeschichte.

Am KSB folgt Gewissheit

Lautenschlager wird nun von oben bis unten im KSB durchleuchtet. Am Interdisziplinären Brustzentrum unter der Leitung von Prof. Dr. med. Cornelia Leo folgen weitere Untersuchungen, darunter ein MRI und ein PET/CT. Gerade bei letzterer Untersuchung fällt den Experten etwas in der Lunge auf. Dr. med. Anika Leingartner, stellvertretende Leitende Ärztin im Brustzentrum, meldet sich bei ihr. Weil die Patientin zum Zeitpunkt der PET/CT erkältet war, könnte auch eine Entzündung die Ursache sein. Doch das KSB-Team will Gewissheit.

Kurz darauf lernt Cornelia Lautenschlager Dr. med. Tilly Nothhelfer kennen. Die stellvertretende Leitende Ärztin der Onkologie und Hämatologie nimmt sich ihrer an und wird zu einer ihrer wichtigsten medizinischen Ansprechpartnerinnen. Nothhelfer will, dass die Stelle in der Lunge biopsiert wird. Aus gutem Grund, wie das Ergebnis zeigt: Der Brustkrebs hat Metastasen in der Lunge gebildet.

Für Cornelia Lautenschlager ist diese Nachricht am Tag vor Weihnachten die schlimmste in ihrem Leben. Auch weil sie nicht zu ihrem Wohlbefinden passt. Sie hat keine Schmerzen, keine Atemnot, arbeitet und geht laufen. «Eigentlich ist alles wie immer und gleichzeitig weisst du, dass du schwer krank bist.» Besonders hart sind die Tage über Weihnachten. «Du sitzt zu Hause und fragst dich: Ist das vielleicht mein letztes Weihnachtsfest?»

Cornelia Lautenschlager
Bei der Chemo mit Kühlhaube: Cornelia Lautenschlager war nicht allein, ihre Freundin Sandrine (li.) hat sie zu ihren Terminen ins KSB begleitet.

24 Wochen Chemo- und Immuntherapie

Am KSB wird Lautenschlagers Fall intensiv im interdisziplinären Tumorboard besprochen. Für die Wahl der Behandlung werden zusätzlich fachliche Einschätzungen eingeholt. Schliesslich steht der Plan: 24 Wochen Chemo- und Immuntherapie. Sofort! Am 9. Januar geht’s los.

Anfangs steckt sie die Behandlung gut weg. Erst gegen Ende werden Übelkeit, Müdigkeit und Erschöpfung stärker. Und irgendwann nach einer Laufrunde werden die Haare immer weniger. Dabei hatte sie lange versucht, mit einer Kühlhaube den Haarverlust zu bremsen. Nur: Irgendwann funktioniert das nicht mehr. Perücken helfen. Mehr Mühe als der Haarverlust machen ihr jedoch die später ebenfalls ausfallenden Wimpern und Augenbrauen.

Heute wachsen alle Haare wieder. Sie trägt sie kurz – ganz anders als früher. Verstecken möchte sie sich nicht mehr. Das war nicht immer so.

35 Menschen warten auf sie

Zur Wahrheit gehört auch, dass sich die sportliche Kosmetikerin und gelernte Kauffrau noch vor wenigen Wochen kaum hätte vorstellen können, öffentlich über ihre Erkrankung zu sprechen. Vielleicht auch, weil sie kaum jemand darauf angesprochen hat. Der Krebs bleibt Privatsache. Bis zum Pink Ribbon Charity Walk Ende August in Zürich. Cornelias Partner Florian organisiert heimlich Familie, Freunde und Arbeitskollegen. Rund 35 Menschen warten dort auf sie. Viele sind in Rosa gekleidet und laufen anschliessend mit ihr. «Das war ein unglaublicher Moment», sagt sie. Man merkt, wie schwer es ihr fällt, über diese Geste der Solidarität und die Anteilnahme ihres Umfelds zu sprechen. Ihre Augen werden glasig. Es berührt sie.

Die Organisatoren des Pink Ribbon Charity Walk haben die Überraschung gefilmt. Ihre Videos verbreiten sich in den sozialen Medien. «Da habe ich gedacht: Jetzt wissen es sowieso alle, ich stehe dazu», sagt sie. Die Perücken wandern in den Schrank.

Cornelia Lautenschlager
Bei der Arbeit: Cornelia Lautenschlager (li.) hat sich als Make-up-Artistin einen Namen gemacht.

Vor dem KSB erzählt sie ihre Geschichte

Der Mut ist jetzt da: Kurz darauf stellt sich die heute 38-Jährige nach einem Physiotherapietermin vor das Haupthaus des KSB und spricht in die Handykamera über ihre Erkrankung. Live auf Instagram. Ihre Ehrlichkeit, ihre Authentizität kommen an. Das Video geht in den sozialen Medien viral. Nach einem Tag haben es 28'000 Menschen gesehen.

Aus ihrem ursprünglichen Beauty-Account wird plötzlich ein Ort für Krebs, Chemotherapie und PET/CT. Cornelia Lautenschlager will zeigen, was Patientinnen erwartet und wie Untersuchungen ablaufen. «Viele trauen sich einfach nicht zu fragen. Wenn es die Leute interessiert, möchte ich ihnen zeigen, wie so etwas abläuft», sagt sie.

Sie erlebt dabei selbst, wie eng die verschiedenen Bereiche am KSB ineinandergreifen: Brustzentrum, Onkologie, Radiologie, Nuklearmedizin und Physiotherapie. Alles da. Genau für sie. Aber die Angst bleibt. Vor Kontrolluntersuchungen zum Beispiel. Was zeigen die Bilder? Hat sich etwas verändert? Ist die Therapie weiterhin auf Kurs? Was bedeuten die zwei neuen Punkte auf der Lunge? Cornelia Lautenschlager versucht, diesen Gedanken nicht zu viel Raum zu geben: «Ich glaube, mir hilft, dass ich einfach weitermache. Dann habe ich gar nicht so viel Zeit, ständig darüber nachzudenken.»

Sie arbeitet, trifft Freunde, macht Pläne. Und sie spricht offen über das, was sie erlebt. Nicht, weil sie Antworten auf alle Fragen hat, sondern weil sie anderen zeigen möchte, wie der Alltag mit dieser Erkrankung tatsächlich aussehen kann. Denn der Krebs gehört inzwischen zu ihrem Leben. Bestimmen soll er es jedoch nicht.


Text: Simon David • Geprüft von: Cornelia Lautenschlager

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