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Lungenkrebs: Neue Immuntherapie mit Tarlatamab schenkt Edgar Camenzind Zeit

28. September 2026

Edgar Camenzind sitzt wieder am Schlagzeug und gibt den Takt vor. Dabei schien seine Zeit abgelaufen: kleinzelliger Lungenkrebs, Metastasen, kaum noch Aussicht auf eine wirksame Behandlung. Dann erhält er am KSB eine neuartige Therapie. Was sie bewirkt, verblüfft selbst Prof. Dr. med. Sacha Rothschild. Der Leiter des Tumorzentrums am KSB greift deshalb zu einem Wort, das Ärzte lieber meiden.

Die Sonne scheint durch die grossen Fensterscheiben. Ein herrlicher Tag im August 2026. Edgar Camenzind sitzt im Café Blattgrün des KSB. Wenige Minuten zuvor hat der 61-Jährige erfahren: Die Aufnahmen sind stabil, keiner seiner Tumoren ist gewachsen. «Ich lebe», sagt er.

Kleinzelliger Lungenkrebs mit Metastasen

Am 15. November 2024 führt ihn hartnäckiger Husten zum Hausarzt. Am 4. Dezember folgt die Diagnose: kleinzelliger Lungenkrebs, der Tumor rund sieben Zentimeter gross, bereits Metastasen – auch im Gehirn. «Es ist die aggressivste Form von Lungenkrebs, die es gibt», sagt Prof. Dr. med. Sacha Rothschild, Chefarzt des Zentrums für Onkologie und Hämatologie sowie Leiter des Tumorzentrums am KSB. «Wenn die erste Behandlung nicht richtig wirkt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr klein, mit einer weiteren Chemotherapie viel Zeit zu gewinnen.»

Eine kombinierte Chemo- und Immunbehandlung stoppt die Erkrankung nicht. Camenzind beginnt, seinen Tod zu organisieren. «Der Abschied war eingeläutet», sagt er. «Ich hatte mit meinem Leben abgeschlossen.»

Edgar Camenzind

Klinische Studie mit Tarlatamab am KSB

Doch Anfang 2025 startet am KSB die internationale Studie DeLLphi-309 mit Tarlatamab, einer neuartigen Immuntherapie für fortgeschrittenen kleinzelligen Lungenkrebs. Als weltweit erstes Zentrum nimmt das KSB Patienten in die Studie auf; Camenzind ist der dritte Teilnehmer. «Ich hatte riesiges Glück, dass genau in diesen zwei Wochen eine Studie für mein Krankheitsbild begonnen hat», sagt er. «Ohne Frau Dr. Fabia Weisser vom Spital Schwyz, die meinen Fall ins Tumorboard des Kantonsspital Luzern brachte und mich ans KSB verwies, und ohne Professor Rothschild wäre meine Hoffnung weg gewesen.»

Für Sacha Rothschild und das Tumorzentrum ist die Teilnahme an klinischen Studien ein wichtiger Bestandteil der modernen Krebsmedizin. Sie kann Patientinnen und Patienten Zugang zu neuen Wirkstoffen und Therapiekonzepten ermöglichen, wenn etablierte Behandlungen nicht mehr ausreichend wirken. Im vergangenen Jahr liefen am KSB 122 klinische Studien. Camenzinds Fall zeigt, welche Bedeutung diese Forschung im konkreten Einzelfall haben kann: Denn sie eröffnete ihm eine Behandlungsoption, die kurz zuvor noch nicht verfügbar war.

So wirkt die Immuntherapie

Doch wie funktioniert die Therapie bei Edgar Camenzind? Sacha Rothschild erklärt die Wirkung mit einem Schlüsselbund: Ein «Schlüssel» erkennt die Krebszelle, der andere bindet an eine Abwehrzelle und aktiviert sie. «Die klassische Immuntherapie aktiviert das Immunsystem vergleichsweise breit», erklärt Rothschild. «Dieses Medikament arbeitet viel gezielter.»

Die ersten drei Dosen erhält Camenzind stationär, später ambulant, inzwischen alle drei Wochen. Alle drei Monate folgt ein MRI. Die Krankheit ist nicht heilbar, doch die Tumore sind seit langer Zeit unter Kontrolle. «Herr Camenzind ist nicht geheilt», betont Rothschild. «Doch wir haben seine Erkrankung sehr gut im Griff.» Dann sagt er: «Ich verwende das Wort Wunder nicht gerne. Aber im Fall von Herrn Camenzind grenzt der Verlauf an ein Wunder.»

Leben mit Krebs: Musik gibt Kraft

Die Therapie bringt Müdigkeit, etwas Übelkeit und einen veränderten Geschmack; selbst Camenzinds geliebtes Fondue wurde zeitweise «gruusig». Und: Nach Bestrahlungen fehlt Camenzind manchmal die Kraft zum Gehen. «Ich lasse zu, dass ich traurig bin», sagt er. «Die Krankheit ist ein Teil meines Lebens. Aber sie ist nicht mein ganzes Leben.»

Camenzind spielt seit seiner Jugend Schlagzeug, war mit Bands auf Tournee, unterrichtete acht Jahre und spielte 1989 in einem Moskauer Stadion vor 20’000 Menschen. Heute ist er mit der Santana-Tribute-Band «ZEBOP» und einer neuen Formation unterwegs. Nach seinem jüngsten Konzert in Freiburg sagt er: «Das war mega.» Und: «Schlagzeugspielen ist koordinativ eine echte Herausforderung. Vor allem, wenn man bedenkt, dass ich eine Metastase im Kopf habe. Doch wenn ich merke, dass das noch geht, tut das meinem Körper und meiner Seele gut.»

Ans Aufgeben denkt er jedenfalls nicht. Im Gegenteil. «Die Krankheit ist ein Teil meines Lebens. Aber sie ist nicht mein ganzes Leben. Und solange ich da bin, spiele ich Schlagzeug!» Dann sagt er: «Solange ich da bin, spiele ich.»

Edgar Camenzind

Hoffnung und Leben im Hier und Jetzt

Auch die Arbeit ist geblieben, aber Camenzinds Blick darauf hat sich verändert. Der Mann, der früher «nur Business und Kennzahlen» lebte, sucht heute seine Kraftorte am Vierwaldstättersee auf und ruht, wenn er Ruhe braucht. «Früher habe ich mir den Druck selbst gemacht», sagt er.

Seine wichtigste Stütze ist Ehefrau Ursula. «Unser Leben hat aus Arbeit bestanden, unterbrochen von Ferien», sagt sie. «Es ist an uns vorbeigezogen. Heute geniessen wir jeden Moment. Wir leben im Hier und Jetzt – und sind mehr zusammen als je zuvor.» Sie erlebt auch die Erschöpfung, die Angst und die Krisen ihres Mannes. «Man sieht ihm nicht an, wenn es ihm schlecht geht», sagt sie. «Aber er kämpft so fest. Und die Zeit, die wir jetzt zusammen haben, ist unendlich wertvoll.»

Kurz bevor sich die neue Behandlungsmöglichkeit auftat, zog Tochter Larissa eine Tarotkarte, die von einer unerwarteten Chance erzählte. Edgar Camenzind ist gläubig und sieht Schulmedizin und Spiritualität nicht als Gegensätze. «Gott ist für mich ein Thema», sagt er. «Die Medizin hilft mir nachweislich. Aber ich brauche auch Vertrauen, meine Familie, Freunde, die Natur und die Musik.»

Der passionierte Musiker weiss, dass die Therapie sein Leben nicht für immer retten kann. Hoffnung ist für ihn deshalb keine Garantie, sondern der nächste Termin, ein Konzert, ein Glas Wein, ein Morgen neben seiner «Ursi». «Wenn ich in diesem Rhythmus weiterleben kann, bin ich überglücklich. Ich geniesse jede Minute», sagt er und blinzelt mit einem Lächeln im Gesicht in die Sonne.


Text: Simon David • Geprüft von: Prof. Dr. med. Sacha Rothschild, Leiter Tumorzentrum

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