Prof. Dr. med. Marc Donath, Stv. Leiter der Clinical Trial Unit am Kantonsspital Baden (KSB), plädiert gemeinsam mit einer internationalen Forschungsgruppe für ein neues Verständnis des mit Übergewicht assoziierten Typ-2-Diabetes. Die im Fachjournal Cell Metabolism veröffentlichte Studie schlägt ein neues
Krankheitsmodell vor.

Es könnte die Entwicklung künftiger Diabetesmedikamente sowie die Behandlung von Millionen Betroffenen weltweit nachhaltig beeinflussen.
Stv. Leiter der Forschungseinheit Clinical Trial Unit (CTU) am KSB
In der Schweiz leben schätzungsweise mehr als 500'000 Menschen mit Typ-2-Diabetes. Weltweit gehört diese Erkrankung zu den grössten gesundheitlichen Herausforderungen und verursacht enorme gesundheitliche und volkswirtschaftliche Kosten.
Seite 1/4 Bis heute gilt Typ-2-Diabetes vor allem als Folge einer Insulinresistenz und einer unzureichenden Insulinproduktion. Entsprechend zielen die meisten Therapien darauf ab, den Blutzucker zu senken oder die Insulinwirkung zu verbessern.
Die von Forschenden aus Europa, Nordamerika und Asien erarbeitete Publikation schlägt nun einen Perspektivenwechsel vor: Mehrere frühe Merkmale des mit Übergewicht assoziierten Typ 2-Diabetes – darunter die Insulinresistenz, eine leicht erhöhte Blutzuckerkonzentration, eine verminderte Insulinsekretion oder auch die Ausscheidung von Zucker über den Urin – könnten nicht primär Ausdruck einer Erkrankung sein. Vielmehr könnten sie Schutzmechanismen darstellen, mit denen sich der Körper gegen einen chronischen Nährstoffüberschuss zu wehren versucht.
«Wir sollten Typ-2-Diabetes nicht ausschliesslich als Störung der Blutzuckerregulation betrachten, sondern als Reaktion des Körpers auf eine lang anhaltende Überlastung mit Nährstoffen», sagt Prof. Dr. med. Marc Donath, Stv. Leiter der Clinical Trial Unit am KSB. «Entscheidend ist deshalb nicht nur, wie stark ein Medikament den Blutzucker senkt, sondern auch, ob es die Stoffwechselbelastung der Organe reduziert. Dieses Verständnis könnte die Entwicklung zukünftiger Therapien nachhaltig prägen.»
Warum nicht jede Blutzuckersenkung gleich wirksam ist
Die neue Sichtweise stützt sich auf die Auswertung zahlreicher grosser klinischer Studien. Deren Ergebnisse zeigen, dass verschiedene Diabetesmedikamente trotz vergleichbarer Blutzuckersenkung sehr unterschiedliche Auswirkungen auf Herz, Nieren, Leber und Körpergewicht haben können.
Während neuere Medikamentenklassen wie GLP-1-Rezeptoragonisten oder SGLT2-Hemmer die natürlichen Schutzmechanismen des Körpers offenbar unterstützen, könnten ältere Therapien in bestimmten Situationen zwar den Blutzucker wirksam senken, gleichzeitig aber den metabolischen Stress in einzelnen Organen erhöhen.
Die Forschenden schlagen deshalb vor, Diabetesbehandlungen künftig nicht allein anhand der Blutzuckerwerte zu beurteilen. Entscheidend sei vielmehr, ob eine Therapie die Nährstoffüberlastung von Organen und Geweben vermindere und damit langfristig Folgeerkrankungen verhindere.
Bedeutung für Forschung und Patientenversorgung
Das neue Krankheitsmodell könnte die Entwicklung zukünftiger Diabetesmedikamente ebenso beeinflussen wie die klinische Behandlung von Patientinnen und Patienten. Gleichzeitig liefert es eine wissenschaftliche Erklärung dafür, weshalb neuere Medikamente neben der Blutzuckersenkung auch nachgewiesene Vorteile für Herz, Nieren und Leber bieten und das Sterberisiko senken können.
Mit der Publikation unterstreicht das Kantonsspital Baden seine Rolle als international vernetzter Forschungsstandort. Die Clinical Trial Unit unter der Leitung von Prof. Marc Donath und Prof. Jonas Rutishauser engagiert sich seit Jahren in der translationalen Stoffwechselforschung und bringt wissenschaftliche Erkenntnisse gezielt in die klinische Versorgung ein.

Publikation
Prentki et al., Insulin resistance and type 2 diabetes as allostatic responses to chronic nutrient excess, Cell Metabolism (2026).
Insulin resistance and type 2 diabetes as allostatic responses to chronic nutrient excess - ScienceDirect