Neue Therapieoption für Männer mit erektiler Dysfunktion
Am Kantonsspital Baden (KSB) ist erstmals ein Schwellkörperimplantat eingesetzt worden. Die moderne Therapie hilft Männern mit schwerer erektiler Dysfunktion, wenn Medikamente oder andere Behandlungen nicht mehr wirken. Seit Kurzem übernehmen die Krankenkassen die Kosten für diesen Eingriff und ermöglichen damit vielen Betroffenen einen neuen Behandlungsansatz.

Rund 300'000 Männer in der Schweiz leiden unter Erektionsstörungen. Viele sprechen nicht darüber, obwohl die Einschränkung das Selbstwertgefühl und Partnerschaften erheblich belasten. Für Patienten, bei denen Medikamente oder andere Behandlungen nicht mehr helfen, bietet das KSB neuerdings eine weitere Therapieoption an: Erstmals hat PD Dr. Lukas Hefermehl, Chefarzt Urologie, am KSB ein modernes Schwellkörperimplantat bei einem Patienten eingesetzt.
Dabei ist die Methode gar nicht so neu. Die Implantate kommen seit vielen Jahren weltweit zum Einsatz und gelten als etablierte Therapie bei schwerer erektiler Dysfunktion. Neu ist vielmehr, dass die Behandlung inzwischen auch für viele Betroffene in der Schweiz zugänglich wird.
«Hierzulande wurden diese Implantate bisher wenig eingesetzt, weil die Krankenkassen sie nicht bezahlt haben», sagt Lukas Hefermehl. «Mittlerweile werden die Kosten für die Schwellkörperimplantate jedoch übernommen. Das eröffnet vielen Patienten neue Möglichkeiten.» Davon hat auch der Patient am KSB profitiert.
Mehrere Wochen nach dem Eingriff zieht der Urologe eine äusserst positive Bilanz. «Bisher sind keine Komplikationen aufgetreten, und dem Patienten geht es sehr gut», sagt der Chefarzt. Inzwischen wurden bereits bei weiteren Betroffenen erfolgreich Implantate eingesetzt.
Je nach Fall stossen Medikamente an ihre Grenzen
In den meisten Fällen lässt sich eine erektile Dysfunktion mit Medikamenten wie Viagra oder vergleichbaren Wirkstoffen erfolgreich behandeln. Bleibt die gewünschte Wirkung aber aus, stehen weitere Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, etwa sogenannte Autoinjektionen, bei denen sich Patienten ein Medikament direkt in den Schwellkörper verabreichen. Nur ein kleiner Teil der Betroffenen benötigt schliesslich eine operative Therapie.
«Wenn Viagra und Co. nicht funktionieren und auch die Injektionstherapie nicht hilft oder als unangenehm empfunden wird, sind die medikamentösen Möglichkeiten begrenzt», sagt Lukas Hefermehl. «Ein Implantat ist in diesen Fällen eine ausgezeichnete Option und führt auch bei schwerster erektiler Dysfunktion wieder zu einer guten Erektion.»
Besonders oft kommt dies bei Patienten vor, deren Erektionsfähigkeit nach Operationen oder Bestrahlungen beeinträchtigt wurde, etwa im Zusammenhang mit einer Krebsbehandlung. Auch Durchblutungsstörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählen zu den häufigsten Ursachen. Deshalb erfolgt vor jeder Behandlung eine umfassende medizinische Abklärung.
Eine diskrete Lösung mit ausgeklügelter Technik
Moderne Schwellkörperimplantate entsprechen jedoch kaum den Vorstellungen, die viele Menschen mit ihnen verbinden. Die heute verwendeten Systeme sind hydraulisch aufgebaut, vollständig im Körper verborgen und ermöglichen eine bedarfsgesteuerte Erektion.
Dabei werden zwei Zylinder in die Schwellkörper des Penis eingesetzt. Ein mit Wasser gefülltes Reservoir befindet sich im Unterbauch, eine kleine Pumpe im Hodensack. Wird diese betätigt, fliesst die Flüssigkeit aus dem Reservoir in die Implantate und erzeugt eine Erektion. Nach dem Geschlechtsverkehr kann das Wasser wieder zurückgeleitet werden. «Es ist ein geschlossener Kreislauf», erklärt Lukas Hefermehl. «Man sieht von aussen nichts.»
Der Vorteil gegenüber anderen Behandlungsmethoden: Die Erektion bleibt so lange bestehen, wie der Patient es wünscht. Medikamente, Spritzen oder eine zeitliche Planung sind nicht nötig.
Für die meisten Patienten steht dabei weit mehr als Sexualität im Vordergrund. Es geht um Selbstvertrauen, Nähe und ein Stück Normalität im Alltag. Die Schwellkörperimplantate gelten als langlebig und können bei komplikationslosem Verlauf viele Jahre, oft sogar lebenslang, funktionieren.
Das Implantat beeinflusst die Fähigkeit zum Orgasmus allerdings nicht. «Viele Menschen wissen nicht, dass die Orgasmusfähigkeit unabhängig von der Erektionsfähigkeit ist», erklärt Lukas Hefermehl.
Tabuthema sichtbar machen
Für den Chefarzt ist die erste Implantation am KSB aber nicht nur ein operativer Erfolg. Sie soll auch dazu beitragen, ein Thema aus der Tabuzone zu holen und Betroffene auf bestehende Behandlungsmöglichkeiten aufmerksam zu machen. «Sexualität und Erektionsstörungen sind nach wie vor mit viel Scham behaftet», sagt er. «Ich wünsche mir, dass mehr Patienten, Hausärztinnen und Hausärzte sowie Zuweisende wissen, dass es diese Behandlungsmöglichkeit gibt – gerade dann, wenn andere Therapien ausgeschöpft sind.»