Zurück zur Startseite
Notfall
Zurück zur Startseite
Notfall

Mythen der Urologie: Alles Männersache?

21. September 2026

Handystrahlen schaden den Spermien, Fahrradfahren macht impotent, Männer «können» immer: Im Zusammenhang mit der Urologie und Sexualität geistern unzählige Legenden herum. Was stimmt, was nicht?

Für Männer ist es oft schwierig, in ihrem Umfeld über Probleme unter der Gürtellinie zu sprechen. Den Besuch beim Urologen verschweigt man lieber, als ihn den Arbeitskollegen oder gar -kolleginnen unter die Nase zu reiben. Einerseits verständlich, andererseits ist es Zeit, mit einigen Mythen aufzuräumen! Die folgenden Punkte drehen sich zwar vorwiegend um Männeranliegen. Aber haben Sie gewusst, dass die Urologie auch Frauen betrifft? Prof. Lukas Hefermehl, Chefarzt Urologie am Kantonsspital Baden, über Mythen und Lendenlegenden. Was ist da dran?

ksb-blog_mythen_urologie_hefermehl.jpg
Lukas Hefermehl ist Professor für Urologie am Kantonsspital Baden.

Mythos #1: Bei der Urologie geht es nur um die Geschlechtsorgane des Mannes.

Hefermehl: Zum Glück ist mein Beruf um einiges interessanter. Die Urologie befasst sich hauptsächlich mit dem Urogenitalsystem des Menschen. Dazu gehören bei beiden Geschlechtern die Niere, der Harnleiter, die Harnblase und die Harnröhre. Beim Mann kommen noch die äusseren Genitalien, also die Geschlechtsorgane, und die Prostata dazu. Diese Organe können eine Vielzahl von Problemen verursachen: zum Beispiel Tumore, Infekte oder Steine. Als chirurgische Disziplin ist meine Aufgabe neben der Diagnostik unter anderem auch die operative Therapie dieser Probleme

Mythos #2: Beim Urologen ist eine «Untersuchung mit dem Finger» garantiert. Schrecklich!

Hefermehl: Keine Sorge! Die sogenannte digital-rektale Untersuchung ist für gewisse Fragestellungen, etwa bei Prostataproblemen, immer noch eine wichtige Untersuchungsmethode – sie muss aber bei Weitem nicht bei jedem Patienten durchgeführt werden. Zudem ist die Untersuchung für die allermeisten Patienten höchstens etwas unangenehm, in der Regel aber überhaupt nicht schlimm. Also definitiv kein Grund, nicht zum Urologen zu gehen!

Mythos #3: Handystrahlen machen unfruchtbar!

Hefermehl: Bisher konnte keine Studie einen direkten Zusammenhang zwischen Handystrahlen und Infertilität, also Unfruchtbarkeit, nachweisen. Tatsächlich konnte aber festgestellt werden, dass die Spermienqualität in den letzten Jahren zunehmend schlechter geworden ist. Als Ursachen vermutet man unter anderem Chemikalien, die wir über die Nahrung aufnehmen, wie Pestizide, Hormone oder Schwermetalle. Auch wenn der Zusammenhang mit Handystrahlung aktuell nicht bewiesen ist, finde ich es wichtig, dass das Thema weiterhin sauber untersucht wird und dass man Grenzwerte definiert.

Mythos #4: Fahrradfahren macht impotent!

Hefermehl: Fahrradfahren in normalem Umfang hat keinen negativen Einfluss auf die Potenz. Bewiesen sind vielmehr folgende Faktoren, die zu Impotenz führen: Bewegungsmangel, Übergewicht oder erhöhte Blutfettwerte – alles Faktoren, denen regelmässiges Fahrradfahren entgegenwirken kann. Bei intensivem Velofahren klagen Männer aber nicht selten über ein Taubheitsgefühl im Genitalbereich, das danach gleich wieder verschwindet. Ob dieses Phänomen einen negativen Einfluss auf die Erektionsfähigkeit haben kann, ist ebenfalls nicht bewiesen. Ich empfehle jedoch in dieser Situation eine individuelle Anpassung des Fahrradsattels.

ksb-blog_mythen_urologie_bizeps.jpg

Mythos #5: Wechseljahre? Geht nur Frauen etwas an!

Hefermehl: Nein. Der Sexualhormonhaushalt ist zwar bei Frauen und Männern sehr verschieden. Es gibt aber auch beim Mann mit zunehmendem Alter Veränderungen, die man durchaus als Wechseljahre bezeichnen kann. Dabei sinkt der Testosteronspiegel mit zunehmendem Alter langsam ab, was bedeutende Auswirkungen auf den Körper und nicht zuletzt auf die Psyche haben kann. Insbesondere kann es zu einer Abnahme der Muskelmasse und einer Zunahme des Körperfettanteils kommen. Auch vermehrte Müdigkeit und sexuelle Lustlosigkeit sind Anzeichen dieser körperlichen Veränderung beim Mann ab einem gewissen Alter.

Mythos #6: Ach was, ich bin ein Mann, ich «kann» immer!

Hefermehl: Die typische männliche Selbstüberschätzung! Tatsächlich ist die uneingeschränkt abrufbare Erektionsfähigkeit ein Mythos, der sich in unserer Gesellschaft hartnäckig hält. Männer können sich damit stark unter Druck setzen und so ein bereits vorhandenes Potenzproblem noch verstärken. Sexualität ist etwas Persönliches und Individuelles – ein kontinuierlicher Prozess, der sich im Laufe der Zeit verändern kann und darf. Zudem gibt es viele Faktoren, die sich auf die Libido auswirken können, wie Müdigkeit, Stress oder die Jahreszeit. Wichtig ist, dass sich Paare über sexuelle Bedürfnisse unterhalten und Probleme ansprechen. Aus meinen Sprechstunden weiss ich, dass Frauen oft verständnisvoll reagieren, sobald sich Männer öffnen und über Potenzprobleme sprechen.

Mythos #7: Bei Erektionsproblemen löst die «blaue Pille» sämtliche Probleme!

Hefermehl: Bei vielen Männern helfen diese Medikamente sehr gut – aber eben nicht bei allen. Tatsächlich war es vor fast 30 Jahren eine kleine Revolution, als die blaue Pille auf den Markt kam. Vorher gab es nichts Vergleichbares. Mittlerweile gibt es eine Vielzahl von Medikamenten aus dieser Substanzklasse, die in vielen Fällen erfolgreich eingesetzt werden. Allerdings können auch Nebenwirkungen auftreten, die von Kopfschmerzen, Schwindel oder Sehstörungen bis hin zu unangenehmen Dauererektionen reichen. Wenn Medikamente oder andere Therapien nicht ausreichend wirken, gibt es eine weitere Möglichkeit: ein Schwellkörperimplantat. Dabei werden zwei Zylinder in die Schwellkörper eingesetzt, die über eine kleine Pumpe im Hodensack aktiviert werden und so eine Erektion ermöglichen. Von aussen ist das System nicht sichtbar. Am KSB setzen wir diese Therapie bei Patienten mit schwerer erektiler Dysfunktion ein, wenn andere Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind.

Urologie am Kantonsspital Baden

Von der urologischen Sprechstunde bis zum Spitalaufenthalt nach einem operativen Eingriff: Der Fachbereich Urologie kümmert sich vertraulich und rund um die Uhr um Ihre Anliegen.

Zur Urologie

Text: Luk von Bergen und Simon David • Geprüft von: Lukas Hefermehl, Professor Urologie

War diese Seite hilfreich?

Ja
Nein