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WM-Fieber und Muskelrisse: Was Fussballerbeine aushalten müssen

15. Juni 2026

Die Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada begeistert Millionen Fans. Doch hinter den grossen Emotionen lauert eine ständige Gefahr: Kreuzbandrisse oder Muskelverletzungen können den Traum vom Titel innert Sekunden zerstören. Dr. med. Jakob Schumann, Oberarzt Orthopädie am KSB, erklärt, wie sich Hobby-Fussballer und -sportler schützen können und warum eine Schockdiagnose nicht immer das Karriereende bedeutet.

Herr Schumann, Hand aufs Herz: Haben Sie die Eröffnung der WM verfolgt?

Ja, tatsächlich. Bei grossen Sportveranstaltungen wie einer Welt- oder Europameisterschaft bin ich immer schnell begeistert. Ich versuche dann schon, einige Spiele zu verfolgen.

Dann haben Sie als Orthopäde vermutlich nicht nur den Ball im Blick, sondern auch die Beine der Spieler. Welche Verletzungen lassen Sie bei Fussballern besonders zusammenzucken?

Viele denken sofort an Kreuzbandverletzungen. Tatsächlich gehören Knieverletzungen zu den bekanntesten Fussballverletzungen. Häufiger sehen wir aber muskuläre Probleme: Muskelfaserrisse, Überlastungen oder Entzündungen von Muskelansätzen. Und dann gibt es die Klassiker wie Verstauchungen des Sprunggelenks. Ein falscher Schritt, ein unglücklicher Zweikampf und der Traum von der WM ist innerhalb von Sekunden vorbei.

Gefühlt hört man inzwischen ständig von Muskelbündelrissen. Ist das eine neue Verletzung oder einfach eine neue Diagnose?

Ein bisschen von beidem. Früher sprach man oft allgemein von einer Muskelzerrung oder einem Muskelfaserriss. Heute verfügen die Vereine über eine hochmoderne Diagnostik. Viele Spitzenclubs wie der FC Bayern München haben MRI-Geräte direkt am Trainingszentrum. Dadurch können Verletzungen viel genauer klassifiziert werden.

Also gehört bei einer Muskelverletzung möglichst schnell ein MRI dazu?

Nein, überhaupt nicht. Eine schnelle und sehr zuverlässige Untersuchung ist der Ultraschall. Für die meisten Muskelverletzungen reicht dieser völlig aus. Viel wichtiger als die Bildgebung ist ein frühzeitiger Therapiebeginn. Dazu gehören Physiotherapie, das Lockern der Muskulatur und gezielte Dehnübungen. Betroffene sollten im schmerzfreien Bereich aktiv bleiben. Ein MRI ist aus meiner Sicht vor allem dann sinnvoll, wenn die Beschwerden trotz Therapie nach vier bis sechs Wochen weiterhin bestehen.

Fussballspieler

Die aktuelle WM ist die grösste aller Zeiten. Die Finalisten absolvieren acht Spiele, hinzu kommen lange Reisen quer durch Nordamerika. Ist das aus medizinischer Sicht problematisch?

Die Belastung beginnt schon lange vor dem Turnier. Die Spieler kommen aus einer kompletten Saison mit nationalen Meisterschaften, Pokalwettbewerben, Champions League und weiteren internationalen Einsätzen. Viele starten bereits mit einer hohen Grundbelastung in die WM.

Und dann kommt noch die Sommerhitze dazu.

Richtig. Hitze beeinflusst den Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt. Das wiederum wirkt sich auf die Muskelfunktion aus und kann Ermüdung oder Krämpfe begünstigen. Deshalb sind die fest eingeplanten Trinkpausen sinnvoll. Sie helfen den Spielern, sich kurzfristig zu regenerieren und Flüssigkeitsverluste auszugleichen.

Die wenigsten von uns werden je bei einer WM dabei sein. Was können Amateur- und Hobbyfussballer tun, um Verletzungen vorzubeugen?

Der wichtigste Faktor ist eine gute Grundfitness. Dazu gehören Kraft, Koordination und Beweglichkeit. Wer monatelang keinen Sport gemacht hat und dann direkt wieder Vollgas gibt, erhöht sein Verletzungsrisiko deutlich.

Das spontane «Heute Abend ist Grümpelturnier, ich ziehe mal wieder die Fussballschuhe an» ist also keine gute Idee?

Nicht unbedingt. Der Körper braucht Vorbereitung. Gerade Schnellkraft, Stabilität und Koordination lassen sich nicht innerhalb eines Aufwärmprogramms aufbauen. Wer schrittweise trainiert und die Belastung langsam steigert, reduziert das Risiko für Muskel- und Gelenkverletzungen erheblich.

Jakob Peter Schumann Portrait

«Ein Kreuzbandriss bedeutet nicht automatisch eine Operation.»

Jakob Schumann

Oberarzt Orthopädie

Sie betreuen als beratender Orthopäde auch den FC Baden. Welche Verletzungen landen am häufigsten bei Ihnen?

Wir sehen Muskelverletzungen im Oberschenkelbereich sowie Verstauchungen des Sprunggelenks. Schwerere Knieverletzungen wie Kreuzbandrisse kommen vor, waren aber zum Beispiel in der Challenge-League-Saison, in der ich das Team auch am Spielfeldrand begleitet habe, deutlich seltener.

Wenn dann doch das Knie betroffen ist, muss nicht immer gleich operiert werden, oder?

Das lässt sich nie pauschal beantworten. Muskelverletzungen heilen in der Regel sehr gut konservativ, also ohne Operation. Entscheidend ist eine gezielte Physiotherapie und eine schrittweise Belastungssteigerung.

Und beim Kreuzband?

Da wird es individueller. Alter, sportliche Aktivität, Begleitverletzungen und persönliche Ziele spielen eine wichtige Rolle. Junge, sportlich sehr aktive Patienten profitieren häufig von einer Operation. Es gibt aber durchaus Situationen, in denen eine konservative Behandlung erfolgreich ist.

Das überrascht viele. Ein Kreuzbandriss klingt für Laien automatisch nach einem Ticket in den OP.

Das ist ein verbreiteter Irrtum. Nicht jeder Patient fühlt sich ohne Kreuzband instabil. Manche können die fehlende Stabilität durch eine sehr gute Muskulatur kompensieren.

Prominente Beispiele sind die Skirennfahrer Hermann Maier oder Carlo Janka. Beide sollen zeitweise ohne Kreuzband ihren Sport betrieben haben. Geht das wirklich?

Ja. Wenn keine relevanten Begleitverletzungen vorliegen und die Muskulatur das Knie ausreichend stabilisiert, kann das funktionieren. Entscheidend ist, ob der Patient Instabilität verspürt. Ist das nicht der Fall, kann auch ein Leben ohne Kreuzband sehr gut möglich sein.

Sie sehen am KSB vom Hobbyfussballer bis zum ambitionierten Vereinssportler ein breites Spektrum an Patienten. Was können Betroffene heute von einer modernen Orthopädie erwarten?

Das Wichtigste ist, dass wir für jeden Patienten die passende Lösung finden. Nicht jede Verletzung muss operiert werden, und nicht jede Operation ist gleich. Am KSB arbeiten wir eng mit Physiotherapeuten, Radiologen und weiteren Spezialisten zusammen. Dadurch können wir die Behandlung individuell planen, also von der konservativen Therapie bis zu modernen arthroskopischen Eingriffen. Unser Ziel ist immer, dass die Patienten möglichst rasch und sicher wieder in ihren Alltag oder ihren Sport zurückkehren können.

Viele ehemalige Profisportler – insbesondere Fussballer – kämpfen später mit Arthrose in Sprung- oder Kniegelenken. Zahlen sie den Preis für ihre Karriere?

Teilweise schon. Im Spitzensport werden Belastungen akzeptiert, die langfristig zu Verschleiss führen können. Deshalb sehen wir bei ehemaligen Profis teilweise schon in relativ jungen Jahren arthrotische Veränderungen.

Trotzdem braucht nicht jeder automatisch eine Knieprothese?

Nein. Eine starke Muskulatur kann sehr viel kompensieren. Deshalb funktionieren manche Gelenke trotz Verschleiss erstaunlich gut.

Sie sind selbst kein Fussballer, sondern Basketballer. Haben Sie Ihre Knie verschont?

Leider nicht. Ich habe durch den Basketball einen Knorpelschaden hinter der Kniescheibe und auf der anderen Seite ein nicht mehr funktionierendes hinteres Kreuzband.

Das klingt nach einer denkbar schlechten Visitenkarte für einen Orthopäden.

(Lacht.) Vielleicht eher nach einer ehrlichen. Ich wurde nie operiert und spiele trotzdem noch Basketball. Natürlich mit gewissen Einschränkungen. Aber ich kann mit meinen Kindern auf den Platz gehen und Sport treiben. Genau das ist letztlich auch unser Ziel in der Orthopädie: Menschen möglichst lange in Bewegung zu halten.

Zur Person:

Dr. med. Jakob Schumann ist seit 2022 Oberarzt an der Klinik für Orthopädie und Traumatologie des KSB. Der 38-Jährige betreut Patientinnen und Patienten mit Verletzungen und Erkrankungen des Bewegungsapparates und begleitet als beratender Orthopäde auch den FC Baden. Privat lebt er mit seiner Partnerin und zwei Kindern in Zürich. Seine sportliche Leidenschaft gilt dem Basketball.

 

Sportverletzungen in der Schweiz – die wichtigsten Zahlen

  • Rund 430'000 Menschen verletzen sich jedes Jahr beim Sport in der Schweiz. Die volkswirtschaftlichen Kosten betragen über 3 Milliarden Franken pro Jahr. 
  • Jährlich kommt es zu rund 53'000 schweren oder mittelschweren Sportunfällen. Das sind fast viermal mehr als im Strassenverkehr. 
  • Etwa 50 von 1000 Personen in der Schweiz verletzen sich pro Jahr beim Sport. Die Hälfte aller Sportunfälle entfällt auf Ball- und Wintersportarten. 

Text: Simon David • Geprüft von: Dr. med. Jakob Schumann, Oberarzt Orthopädie

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