Geschichte

Gegründet kurz nach der Unabhängigkeit des Tschad in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts funktionierte das heutige Buschspital Koyom während langer Zeit als eine der vielen einfachen privaten Krankenstationen im tschadischen Busch, bescheiden eingerichtet, oft der wichtigsten Medikamente und Materialien entbehrend. Während dieser ganzen Zeit wurde es von zwei tschadischen Pflegern geleitet, welchen bald die Arbeit über den Kopf wuchs und welche vor allem in der Regenzeit während mehreren Monaten pro Jahr abgeschnitten waren vom zuständigen regionalen Staatsspital Bongor. Aus diesen Gründen gelangte die zuständige tschadische Kirche mit der Bitte an die «Evangelische Mission im Tschad», einen europäischen Arzt zum Ausbau der Kranken­station auszusenden. So waren in der Folge ab 1983 während je vier Jahren die beiden Schweizer Ärzte Dr. Thomas Zürcher und Dr. Martin Weber mit ihren Familien in Koyom tätig und halfen mit, das medizinische Angebot der Krankenstation auszubauen, neues Personal auszubilden und die Infrastrukturen zu verbessern, namentlich die Beschaffung von Medikamenten. Dies führte dazu, dass die Krankenstation vom tschadischen Gesundheitsministerium vorerst zum «Centre Médical» (Medizinzentrum) aufgewertet wurde.

Es folgte eine lange ärztelose Zeit, während welcher das einheimische Personal die medizinische Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen, aber auf sehr bescheidenem Niveau weiterführte, allerdings tatkräftig unterstützt von der unterdessen vom damaligen chirurgischen Chefarzt des Kantonsspitals Baden, Dr. Max Graber gegründeten «Patenschaft für das Buschspital Koyom». Erst unter der Leitung des deutschen Chirurgen Dr. Steffen Kirstein zwischen 1996 und 1999 erhielt Koyom den Status eines Buschspitals zugesprochen.

Seit über 10 Jahren steht nun das Buschspital unter ausschliesslich tschadischer Leitung: Dr. Osée Ndilta, in Cotonou (Benin) ausgebildet, führt die ganze Belegschaft von 44 Leuten mit unermüdlichem Einsatz, besucht mehrere Aussenstationen, unterhält engen Kontakt mit den Verantwortlichen des tschadischen Gesundheits­wesens und berät die Leitung unserer Partnerkirche in medizinischen Fragen. Seit vier Jahren wird er von Dr. Frédéric Djongali unterstützt, tschadischer Chirurge, längere Zeit in Niger tätig und nun rechte Hand von Dr. Ndilta und dessen Vertreter bei Abwesenheiten.

Regelmässig nimmt Dr. Ndilta an internationalen Kongressen teil und hat 2010 sogar einen Preis gewonen mit seiner Arbeit über Malaria-Prophylaxe.

Ein anderer tschadischer Arzt, auch ehemaliger Stipendiat unserer Patenschaft, arbeitet zur Zeit noch in Senegal, hat aber seine Rückkehr in den Tschad versprochen. – Ein von uns finanzierter Medizinstudent in Senegal hat unterdessen die Hälfte des Studiums hinter sich. – Im Sommer 2011 wir ein mit Unterstützung der Patenschaft ausgebildeter Pfleger seine Arbeit in Koyom aufnehmen

"Wenn du deinen Freund respektierst, werdet ihr zusammen ein Dorf bauen."

Was wurde in den über zwanzig Jahren seit Bestehen der Patenschaft erreicht?

  • viele tausend Patienten wurden medizinisch und chirurgisch betreut
  • viele hundert Babys konnten trotz schwerer Geburt am Leben erhalten und ihre Mütter vor dem Tod bewahrt werden
  • zahlreiche Neugeborene und Kleinkinder wurden gegen die sieben wichtigsten Infektionskrankheiten geimpft
  • viele unterernährte Kinder konnten mit Aufbaunahrung versorgt werden
  • Tonnen von Lebensmitteln wurden in Hungerzeiten als Nothilfe an die Ärmsten abgegeben
  • die hygienischen Verhältnisse im Buschspital wurden wesentlich verbessert, unter anderem durch den Bau einer Mauer um das ganze Gelände herum
  • die Wasserversorgung wurde ausgebaut und für Notfälle abgesichert
  • mehrer neue Gebäude wurden erstellt (Operationsgebäude, Maternité, Labor- und Röntgengebäude, Konsultationsräume)
  • Medikamente, Operationswäsche, Instrumente und Apparate wurden gespendet oder vermittelt
  • das einheimische Personal wird regelmässig fortgebildet
  • die Saläre und die Altervorsorge des Personals wurden deutlich verbessert
  • parallel zur medizinischen Arbeit wurde eine im weiten Umkreis bekannte und sehr geschätzte Werkstatt aufgebaut, welche zur Zeit weiterhin von zwei Schweizern geleitet wird und sich vor allem auch die Ausbildung von einheimischen Handwerkern zum Ziel gesetzt hat

Einige neuere Zahlen (2010)

  • Personalbestand: 44
  • Betten: 70
  • Konsultationen ambulant: 3087
  • Operationen: 768
  • Geburten: 384
  • Ultraschalluntersuchungen: 686
  • Laboruntersuchungen: 9862
  • HIV-Tests: 1558
  • davon positiv: 82

Das Land Tschad

  • Fläche: 1'284’000km² (fünftgrösstes Land Afrikas, Binnenland)
  • Ackerland: 32’000km²
  • Einwohner: 9.944 Mio (Juli 2006) mit 120 verschiedenen Sprachen; 55% Muslime, 35% Christen, 10% Animisten
  • Lebenserwartung: 47.5 Jahre
  • Pro-Kopf-Einkommen: $ 200

Gegend
Infrastruktur
Schreiner
Wasserreservoir
Mitarbeiter

Im Jahr 2011 sah die Personalliste des Spitals Koyom wie folgt aus:

Männer/Frauen

1/0 Arzt

1/0 Höhere Pflegefachkräfte

0/1 Gesundheits-Techniker

4/0 Angelernte Krankenpfleger

1/0 Diplomierte Anästhesiepfleger

1/0 Diplomierte Zahnfachleute

0/3 Hebammen

3/5 Hilfspfleger/Matronen (Hilfshebammen)

3/0 Diplomierte Laboranten

11/2 Technischer Dienst

2/0 Wäscherei/Sterilisation

2/0 Verwalter/Buchhalter

2/0 Wächter

1/0 Chauffeur

1/0 Spitalgeistlicher

Alle diese Angestellten stammen zum grössten Teil aus den drei Stämmen der Region, zum kleineren Teil aus anderen Landesgegenden. Das heisst, dass sie auch ganz verschiedene Dialekte/Sprachen sprechen. Dies macht die Personalführung oft recht schwierig. Mit einem täglichen Mitarbeiter-Rapport frühmorgens gelingt es jedoch dem verantwortlichen Arzt, dieses Team ohne grössere disziplinarische Schwierigkeiten zu leiten.

Alle Angestellten erhalten einen bescheidenen Lohn, dafür aber - im Gegensatz zu öffentlichen tschadischen Spitälern – regelmässig. Ebenso wird regelmässig für eine Altersvorsorge einbezahlt. Durch unsrer Patenschaft angeregt und anfänglich auch finanziell unterstützt wurde eine einfache Krankenkasse für das Personal und die direkten Familienangehörigen gegründet. Zudem hat unserer Patenschaft ein Hirse-Speicherprojekt angeregt und ebenfalls anfangs finanziell unterstützt, welches sich grosser Beliebtheit erfreut.

Das Hauptproblem: die Suche nach einem zweiten tschadischen Arzt für den chronisch überlasteten Dr. Osée Ndilta.

OP
Schon fast ein feudal funktionierender Operationssaal (1986) eingerichtet mit dem Mobiliar des alten Spitals Baden. Man beachte die Klimaanlage oben links!
Ein Pfleger macht die Ketalarnarkose. Oben links sind die Fadenvorräte, auch alle vom Spital Baden.
Teamwork im OP
Auch diese Instrumente stammen aus Baden. Mit Op-Tüchern werden sie fachgerecht verpackt und sterilisiert.
Dieser Sterilisationsapparat war öfters wieder mal defekt, aber es gelang irgendwie immer wieder, ihn in Betrieb zu bringen, so dass er gute Dienste leistete.
Hier sehen Sie einen alten Sterilisator der Schweizer Armee, er war eine grosse Hilfe und wurde mit Holz betrieben.
Labor

Im Labor arbeiten drei diplomierte Laboranten. Ihr Untersuchungssprektrum:

  • Einfache Blutuntersuchungen hauptsächlich auf verschiedene Parasiten, davon in erster Linie Malaria-Erreger, aber auch Fadenwürmer. Blutchemie - zu aufwendig und teuer - wird nur vereinzelt gemacht, ebenso Blutbilder
  • Urinuntersuchungen auf verschiedene Parasiten, namentlich Bilharziose
  • Stuhluntersuchungen vorwiegend auf Würmer
  • Speichel-/Auswurf-Untersuchung auf Tuberkulose-Bakterien
  • Hautuntersuchungen auf Lepra-Bakterien
  • HIV-Test (2011: 314 Tests, davon 44 positiv)
  • Blutgruppen-Untersuchungen zwecks Bluttransfusionen (2011: 333 Transfusionen)
  • Liquor-Untersuchung auf Meningokokken

Pro Jahr werden insgesamt über 10'000 Untersuchungen durchgeführt.

Maternité

In der Geburtenabteilung arbeiten 3 diplomierte Hebammen und 5 sogenannte Matronen (Hilfshebammen). Einen grossen Teil der Aktivitäten nimmt die Kontrolle der Schwangeren ein, welche durch regelmässige Campagnen in den Dörfern dazu motiviert werden. Dieses Projekt nennt sich ‚maternité à moindre risque’ und wird von einer deutschen Organisation regelmässig unterstützt. Damit ist die mütterliche und kindliche Sterblichkeit deutlich gesunken (2011: bei 396 Geburten 1 Mutter und 5 Kinder). Immer noch erreichen zu viele Frauen die Maternité in Koyom zu spät, entweder wegen fehlender Transportmöglichkeit oder weil traditionelle Methoden allzu oft und allzu lange in Anspruch genommen werden.

Die Sectio-Häufigkeit (2011 79 Sectiones bei 396 Geburten) erscheint im ersten Blick extrem hoch. Dabei fällt jedoch ins Gewicht, dass in erster Linie komplizierte Geburten von Frauen mit Problemschwangerschaften in Koyom stattfinden, alle andern immer noch im Dorf.

Mit dem letzten Transport konnte unsere Patenschaft endlich den antiquierten Gebärstuhl durch ein einfaches Occasionsmodell ersetzen. Zudem senden wir regelmässig saubere, intakte Kiwi-Saugglocken nach Koyom.

Apotheke / Lager
Apotheke
Apotheke
Lager
Spitalalltag

Der Alltag der Patienten in Koyom ist nicht zu vergleichen mit dem Spitalerleben schweizerischer Kranker, so wie das Leben in der tschadischen Savanne wenig gemeinsam hat mit unserem in Mitteleuropa.

Ein Blick auf den Spitalhof zeigt schön gemalte Spitalgebäude, die recht europäisch anmuten und nichts gemein haben mit den strohgedeckten Lehmhütten in denen die Leute dort sonst wohnen. Patienten und Angehörige sitzen und liegen auf ihren Matten, die traditionsgemäss aus Palmblättern geflochten werden und modern aus Plastik gekauft werden können und für sie Stuhl, Sofa und Bett in einem sind. Sie werden auf dem sauber gewischten Boden ausgebreitet und niemals mit Schuhen betreten.

Ein grosser Luxus in der gleissenden Sonne bietet der reichlich vorhandene Schatten der inzwischen grossen Bäume auf dem Spitalareal. Sehr schön sieht man den gemeinschaftlichen Geist der Tschader, keiner ist allein! Aber anders als bei uns sind in der Öffentlichkeit die Frauen zusammen und die Männer miteinander. Das Paar in der Mitte des Bildes bildet die Ausnahmesituation des Spitals ab. Es ist ungewöhnlich, dass öffentlich ersichtlich ist, wer zu wem gehört

Die beiden Frauen sind auffallend gut in neuen afrikanischen Stoffen gekleidet. Entweder sind sie wohlhabend oder die Ernte ist gut ausgefallen und aus den Erträgen konnten neue Kleider gekauft werden. In Hungerjahren tragen die Tschaderinnen die alten Kleider von den Vorjahren. Die goldenen Ohrringe der jungen Frau zeugen auch von ihrem Wohlergehen, sie sind die Notvorräte, die sie zur Hochzeit erhielt, quasi ihre Versicherung. In den Emailtöpfen und traditionellen Kürbisschalen steht ihr Essen. Das Blechkrüglein und das Glas daneben zeugen vom Luxus von gezuckertem Tee, sogenanntem Shai. Aber die Krönung ihres guten Lebensstandards zeigt das Velo, das nur ganz wenige besitzen.

Zubereitet wird das Essen von den Angehörigen in der hier abgebildeten „Spitalküche“. Gekocht wird auf Holzfeuerchen, zubereitet wird am Boden. Saubere Arbeitsfläche ist nur die Innenseite der Töpfe, was sehr viel Geschick der Frauen erfordert. Kochen ist allein ihre Aufgabe und immer haben sie noch das jüngste Kind bei sich, das sie nebenher stillen, beschäftigen und überwachen. Im Hintergrund sieht man die kleinen wellblechgedeckten WC-Häuschen, eine Neueinführung des Spitals. In der Savanne wachsen ja so viele Grasbüschel, hinter welchen man gewöhnlich sein Geschäft erledigt.

Frisch operierte oder schwerkranke Patienten, die intensive Überwachung und Behandlung benötigen, liegen hier in alten Betten des Kantonsspitals Baden. Sie sind das weiche Liegen auf einer Matratze so hoch über dem Boden nicht gewohnt. Auf Trennung von Männern und Frauen wird nicht geachtet, man wird dahin gelegt, wo ein Bett frei ist.

Der Spitalalltag ist geprägt vom kollektiven Miteinander der Generationen. Hier sind alle zusammen vom geehrten Alten, der die Verantwortung in der Sippe trägt und das Sagen hat, bis zum Jüngsten, der auf dem Rücken der Mutter überall mit dabei ist.

Arbeitsablauf
Gesundheitszentrum
Operation Kind
Visite